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Dyskalkulie
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Dyskalkulie ist eine BeeintrÀchtigung des arithmetischen Denkens. Sie wird in der Fachsprache auch Arithmasthenie, im allgemeinen Sprachgebrauch auch Rechenstörungcite-ref-1[1] oder RechenschwÀche genannt. Die Abgrenzung der Begriffe Dyskalkulie, Rechenstörung und RechenschwÀche ist in der Literatur nicht eindeutig.
Contents
âą Allgemeines
âą Erscheinungen
âą Therapie
⹠PrÀvention
âą Selbstbild
âą Etymologie
âą Literatur
âą Fachmagazine
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Allgemeines
Eine Dyskalkulie tritt bei fĂŒnf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung auf.cite-ref-2[2]
Dyskalkulie sagt nichts ĂŒber die Intelligenz des Betroffenen aus. Oftmals finden sich unter ihnen besonders begabte Menschen mit ĂŒberdurchschnittlichem IQ.cite-ref-butterworth-3-0[3] Ebenso wenig ist bei Dyskalkulie die FĂ€higkeit zur BeweisfĂŒhrung in der höheren Mathematik zwingend beeintrĂ€chtigt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass arithmetische und mathematische FĂ€higkeiten voneinander getrennt sind. So kann es sein, dass ein Mensch mit Dyskalkulie Schwierigkeiten bei der Bearbeitung von arithmetischen Problemen hat, jedoch ohne BeeintrĂ€chtigung oder sogar mit einer Begabung abstrakte mathematische Probleme lösen kann.cite-ref-butterworth-3-1[3]
Die Annahme der UnabhĂ€ngigkeit von Intelligenz und Dyskalkulie hat auch in den medizinischen Diagnosesystemen ICD und DSM Eingang gefunden. Dies wird jedoch dahingehend kritisiert, dass bis heute noch nicht nachgewiesen werden konnte, dass die Ursachen und FörderungsmaĂnahmen fĂŒr Dyskalkulie mit normaler Intelligenz andere sind als fĂŒr RechenschwĂ€chen mit niedrigerer Intelligenz.cite-ref-4[4]
Die Weltgesundheitsorganisation hat das Erscheinungsbild âDyskalkulieâ in ihre internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen.cite-ref-5[5]
Die Frage, ob Dyskalkulie als Krankheit oder gar als Behinderung behandelt werden sollte, wird kontrovers diskutiert. Insbesondere Neurobiologen betonen, dass Prozesse, die im Gehirn beim Lesen, Schreiben oder Rechnen ablaufen, bei Betroffenen von einer Dyskalkulie anders ablaufen als bei anderen und dass diese âFehlfunktionenâ von der WHO als âKrankheitâ bewertet wĂŒrden. Die Dyskalkulie ist aufgrund der EinschĂ€tzung der WHO international als psychische Erkrankung anerkannt. Demnach handelt es sich um ein kompensierbares VerstĂ€ndnisproblem im arithmetischen Grundlagenbereich (MĂ€chtigkeitsverstĂ€ndnis, Zahlbegriff, Grundrechenarten, Dezimalsystem), wobei die Betroffenen mit ihrer subjektiven Logik in systematisierbarer Art und Weise Fehler machen, die auf begrifflichen Verinnerlichungsproblemen beruhen, was im Prinzip durch gezielte MaĂnahmen aufgelöst werden kann. Dabei lassen sich die Erscheinungen Nominalismus, Mechanismus und Konkretismus beobachten.
âAuflösbareâ Probleme bei Teilleistungsstörungen wie der Dyskalkulie sind aber ein Indiz dafĂŒr, dass keine Behinderung vorliegt. Denn nach § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX liegt eine Behinderung nur dann vor, wenn aller Voraussicht nach die Störung sechs Monate nach ihrer Feststellung noch vorhanden sein wird. Dennoch behauptet eine Förderschule, es sei möglich, vom zustĂ€ndigen Versorgungsamt fĂŒr ein Kind mit der Diagnose Dyskalkulie einen Behindertenstatus zu erreichen, und zwar bis zu einem Grad der Behinderung von 50.cite-ref-6[6]
Das Verwaltungsgericht Hannover sieht in der Dyskalkulie keine Form der Behinderung. Es stellte in seinem Beschluss vom 10. Februar 2012 fest: âSchulische Teilleistungsstörungen (hier: Lese-RechtschreibschwĂ€che â LRS) stellen fĂŒr sich genommen keine seelischen Störungen im Sinne des § 35a SGB VIII dar.âcite-ref-7[7] Ein Anspruch auf Eingliederungshilfe bestehe erst dann, wenn eine TeilleistungsschwĂ€che zu einer âsekundĂ€ren Neurotisierungâ gefĂŒhrt habe.
Wolfram Meyerhöfer vertritt die These, dass ânicht der Kopf der Kinder [âŠ] das Problemâ sei.cite-ref-8[8] Die Kategorien Legasthenie und Dyskalkulie dienten, so die LegakidsStiftung, die Meyerhöfers Ansicht verbreitet, nicht dazu, âum die damit verbundenen LernphĂ€nomene zu verstehen, sondern um Fragen der Ressourcenzuweisung zu bearbeiten.â Der Hintergrund dieses Verfahrens bestehe darin, âdass eine fachĂ€rztliche Bescheinigung Voraussetzung dafĂŒr ist, dem Kind in der Schule einen Nachteilsausgleich zu gewĂ€hren.â Die LegaKidsStiftung warnt davor, Legastheniker als âkrankâ oder âbehindertâ einzustufen, da eine amtliche BestĂ€tigung dieses Status die Betroffenen unangemessen stigmatisiere.cite-ref-9[9] Die Stiftung wird vom deutschen Bundesministerium fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.cite-ref-10[10] Ihre Argumentation kann auch auf SchĂŒler mit der Diagnose Dyskalkulie angewandt werden.
Dyskalkulie darf nicht mit dem Zahlenanalphabetismus verwechselt werden: Letzterer bezeichnet das rechnerische Unvermögen und die SchwĂ€che, Sachverhalte in Zahlen darzustellen beziehungsweise zahlenmĂ€Ăig dargestellte Sachverhalte zu verstehen.
Erscheinungen
Nominalismus des Zahlbegriffs
Unter Nominalismus des Zahlbegriffs soll die Zuordnung von Zahlname und Ziffer/Symbol ohne ausgebildeten Zahlbegriff als kognitive Basis verstanden werden. Dies bedeutet, dass Kinder die Zahlnamen und deren Reihenfolge auswendig kennen, die zu Grunde liegenden QuantitĂ€ten jedoch nicht mitdenken. Deshalb sind sie oft darauf angewiesen, Additionen und Subtraktionen rein zĂ€hlend durchzufĂŒhren. HĂ€ufige PhĂ€nomene bei Nominalismus:
⹠Kinder verharren beim rein zÀhlenden Operieren.
⹠Transferleistungen können nicht erbracht werden. Es wird stets neu abgezÀhlt.
âą Die BewĂ€ltigung mathematischer Aufgaben erfordert enorme GedĂ€chtnis- und Konzentrationsleistungen, hohe Anstrengung, was schnell zu Erschöpfung fĂŒhrt. Berechnungen benötigen unverhĂ€ltnismĂ€Ăig viel Zeit.
âą Es kommt nicht zu einer Verbesserung der Defizite durch bestĂ€ndiges und extensives Ăben. GeĂŒbtes wird schnell wieder vergessen oder es wird inhaltsleer auswendig gelernt.
Mechanismus der Rechenverfahren
Der Mechanismus der Rechenverfahren umschreibt die unreflektierte mechanische BewÀltigung mathematischer Aufgaben ohne VerstÀndnis der zu Grunde liegenden Verfahrenstechniken. Dies kann zum Beispiel bei der Anwendung schriftlicher Rechenverfahren oder beim Lösen sog. analytischer Aufgaben (Gleichungen mit Platzhaltern) beobachtet werden. AuffÀllig bei mechanischen Rechenverfahren sind:
âą die Duldung sich widersprechender Ergebnisse nebeneinander: âoffensichtlicheâ Rechenfehler werden nicht erkannt.
âą die FehleranfĂ€lligkeit der Mechanismen bei komplizierteren oder geĂ€nderten Aufgaben. Abweichungen in der Aufgabe fĂŒhren schnell zu Verwirrung bzw. zu falsch weitergefĂŒhrten Mechanismen.
âą die wahllose VerknĂŒpfung von GröĂenangaben mit Operationen bei eingekleideten Aufgaben, um irgendwie zu einer Lösung zu gelangen. Die Aufgabe kann nur wortwörtlich wiedergegeben werden.
Konkretismus beim handelnden Operieren
Unter Konkretismus beim handelnden Operieren wird das Verhaftetsein des Betroffenen am Veranschaulichungsmittel verstanden, wobei auch Finger zu den Veranschaulichungsmitteln zĂ€hlen. In diesem Fall tritt das Veranschaulichungsmittel nicht in der Funktion auf, Anzahl in einer bestimmten Weise zu reprĂ€sentieren, vielmehr wird der handelnde Umgang mit dem Mittel fĂŒr das eigentliche Rechnen gehalten. Bei konkretistischem Handeln sind hĂ€ufig folgende Punkte zu beobachten:
âą Berechnungen von mathematischen Aufgaben können ohne die Veranschaulichungsmittel nicht durchgefĂŒhrt werden.
âą Es wird fast ausschlieĂlich auf vorgestellte oder plastische ZĂ€hlhilfen zurĂŒckgegriffen.
⹠Veranschaulichungsmittel werden unökonomisch und kontralogisch verwendet.
Charakterisierung
Diese drei PhĂ€nomene sind nicht getrennt zu sehen â vielmehr ergĂ€nzen sie einander, da hier Rechenschwierigkeiten von verschiedenen Betrachtungsebenen aus beschrieben werden. Nominalismus bezieht sich auf die begriffliche Seite, auf die unausgebildete kognitive Verinnerlichung der Stoffinhalte. Mechanismus beschreibt aus praktischer Sicht die unverstandene Umgangsweise mit den Rechenverfahren. Konkretismus schlieĂlich bezieht sich auf den unreflektierten Einsatz der Veranschaulichungsmaterialien.
Insgesamt ist bei den Betroffenen das Fundament des mathematischen VerstĂ€ndnisses nicht oder nur sehr verschwommen vorhanden. Ein aufbauender mathematischer Gedanke kann nicht verstanden werden, weil die Grundlagen nicht zur VerfĂŒgung stehen. Jegliches Ăben und Automatisieren ist hier vergeblich, da die Kerngedanken unerschlossen sind. Wenn z. B. Menge und Zahl mit gĂ€nzlich falschen Vorstellungen besetzt sind, kann die innere Logik des Stellenwertsystems nicht erarbeitet werden. In der modernen FörderpĂ€dagogik werden auch diejenigen Betroffenen berĂŒcksichtigt, deren Versagen auf unangemessene Beschulung, mangelnde Motivation und andere nicht-kognitive Faktoren zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann, da auch sie meist inhaltliche Defizite in Mathematik aufweisen.
Sind bestimmte Bedingungen des Lernens nicht erfĂŒllt, mĂŒssen diese vorab hergestellt werden. Treten Anzeichen fĂŒr auĂermathematische BeeintrĂ€chtigungen auf, wie zum Beispiel erhebliche psychische Probleme, gravierende sprachliche Defizite oder anderes, was ein diagnostisches oder lerntherapeutisches GesprĂ€ch unmöglich macht, ist dringend die Hilfe anderer FachkrĂ€fte angeraten. Dies kann den mathematischen Lernprozess jedoch nicht ersetzen. Bei entsprechend diagnostizierten kognitiven Defiziten im rechnerischen Denken ist auch hier anschlieĂend beziehungsweise begleitend eine angemessene mathematische Förderung nötig.
Kinder mit Dyskalkulie weisen sehr heterogene kognitive Profile auf (z. B. hinsichtlich der ArbeitsgedÀchtnisleistung, der LesefÀhigkeit, der Aufmerksamkeit und unterschiedlicher mathematischer FÀhigkeiten), sodass von der Existenz von abgrenzbaren Subtypen auszugehen ist.cite-ref-11[11]
Qualitative Diagnostik
FĂŒr eine gezielte Hilfe mĂŒssen die Probleme des Betroffenen genau untersucht werden. Die Methode der Diagnostik von Rechenstörung beruht grundsĂ€tzlich auf einem Vergleich subjektiver Rechenleistungen und objektiver Anforderungen des mathematischen Gegenstandes in verschiedenen ZusammenhĂ€ngen. HierfĂŒr gibt es eine Reihe von standardisierten Tests. Diese Tests haben jedoch den Mangel, dass sie rein ergebnisorientiert sind, das heiĂt, sie grenzen die Fehleranalyse in hohem MaĂe ein, indem sie lediglich richtige von falschen Ergebnissen selektieren, anschlieĂend quantifizieren und die so gewonnene Quote einem feststehenden AuswertungsschlĂŒssel unterwerfen. Konkretistische Rechentechniken bleiben dabei gĂ€nzlich unbewertet. Derartige Diagnosen sind im Kern wie Klassenarbeiten und genĂŒgen insbesondere den Anforderungen einer auf lerntherapeutische Intervention ausgerichteten Testung nicht.cite-ref-12[12]
Ăberwinden lĂ€sst sich der genannte Mangel durch eine qualitative Fehleranalyse und eine qualitative Beurteilung der Rechentechniken und des RechenverstĂ€ndnisses. An der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin wurde dafĂŒr in Zusammenarbeit mit dem ZTR Berlin zum Beispiel das informelle Testverfahren QUADRIGA (Qualitative Diagnostik RechenschwĂ€che im Grundlagenbereich Arithmetik) entwickelt. Dieses baut im Wesentlichen auf der Methode des âlauten Denkensâ auf. Hier gibt der Proband Auskunft ĂŒber seine Rechenwege und gegebenenfalls seine konkretistischen Techniken, so dass sich subjektive (falsche oder umstĂ€ndliche) Algorithmen und begriffslose Lösungswege ermitteln lassen. Aus den angewandten Rechentechniken und den subjektiven Algorithmen lassen sich â verglichen mit dem mathematisch sachlogischen Vorgehen â RĂŒckschlĂŒsse auf das VerstĂ€ndnis mathematischer Inhalte und Operationen erzielen. Dadurch werden Lerndefizite (hier spezielle WissensmĂ€ngel um mathematische Abstraktionen sowie unlogische Verfahrenstechniken: ZĂ€hlen statt Rechnen) sichtbar, und die Systematik der Rechenfehler lĂ€sst sich aufschlĂŒsseln und erklĂ€ren.
Neben der Interview-Technik des âlauten Denkensâ sollten noch die Verhaltensbeobachtungen von Mimik, Gestik und Körpersprache treten, die RĂŒckschlĂŒsse darĂŒber zulassen, ob die Kommentare der Probanden die wirkliche Vorgehensweise treffen. Dazu kommt die Methode, die âBeobachtung des konkreten Handelns mit mathematisch strukturierten Veranschaulichungsmittelnâ genannt wird. Dahinter verbirgt sich eine qualitative Analyse der Handlungstechniken auf der konkret-handelnden Ebene. RechenschwĂ€che lĂ€sst sich hĂ€ufig bereits auf der Handlungsebene als apraktische Umgangsform mit Veranschaulichungsmitteln nachweisen.
Auf diese Weise entsteht eine differenzierte qualitative Profilierung der Rechenstörung, was insbesondere fĂŒr die Rechentherapie von gröĂter Bedeutung ist. Die Therapie kann gezielt dort ansetzen, wo die mathematischen Probleme des Probanden beginnen.
Therapie
FrĂŒhzeitige Therapie spielt bei Dyskalkulie eine wesentliche Rolle, da nur so bereits bestehende Defizite aufgearbeitet und weitere LĂŒcken verhindert werden können. Zudem unterbindet man mit einer frĂŒhmöglichen Förderung das Eintreten von MatheĂ€ngsten oder einer geringen Erwartungshaltung des Betroffenen. Auch im Erwachsenenalter können sich Erkrankte professionelle Hilfe suchen. Wichtig ist, dass Dyskalkulie eine ernst zu nehmende Erkrankung ist, bei der eine Therapie unausweichlich ist.cite-ref-13[13] Die Kosten einer Therapie werden nur bei einer vorliegenden medizinischen Diagnostik ĂŒbernommen.
Integrative Lerntherapie
Rechenschwache Kinder benötigen individuelle Hilfe. Ein normaler Schulunterricht wie auch klassischer Förder- oder Nachhilfeunterricht kann bei rechenschwachen SchĂŒlern nicht zum Erfolg fĂŒhren, wenn standardisierte, auf eine Gruppe bezogene Verfahren zum Einsatz kommen und nicht an der individuellen Lernausgangslage angeknĂŒpft wird. Eine integrative Lernintervention berĂŒcksichtigt die spezifische Lernausgangslage des SchĂŒlers, indem sie kein einheitliches Programm anwendet, sondern in Form einer integrativen Lerntherapie ein individuelles Bedarfsprogramm von MaĂnahmen erstellt. Je nach den individuell ausgeprĂ€gten Eigenarten und Störungen des Lernprozesses sowie der subjektiven Verarbeitung der LeistungsschwĂ€che werden entsprechende Lehr- und Lernformen gewĂ€hlt und aktuell variiert. Als angemessene Therapieform hat sich hierfĂŒr deshalb die Individualtherapie herausgebildet. In der Mathematik bauen Lerninhalte sachlogisch streng aufeinander auf. Es muss daher abgesichert sein, dass der SchĂŒler die Argumentation auch fĂŒr kleinste Schritte nachvollzogen hat. Deshalb ist die zentrale Interventionsform der therapeutische Lerndialog mit dem SchĂŒler. Diesen zu fĂŒhren, ist die Aufgabe eines mathematisch und pĂ€dagogisch-psychologisch ausgebildeten Lerntherapeuten fĂŒr Dyskalkulie, der die Grundlagen der Mathematik individuell differenziert darlegen kann. Eine in die Lerntherapie integrierte Verlaufsdiagnostik sichert die Lernfortschritte, sodass durch angepasste Lernschritte systematisch die Defizite im Lernstoff aufgearbeitet werden können. Damit stiftet die Therapie von Beginn an ein begrĂŒndetes und wachsendes Vertrauen der SchĂŒler in ihr neu erworbenes Wissen und ihre FĂ€higkeiten. Einen neuen Zweig der Lerntherapie im Bereich der Dyskalkulie stellen sogenannte Serious Games dar. So gibt es spezialisierte Computerspiele, die sich an den individuellen Lernfortschritt anpassen und gezielt die SchwĂ€chen der Betroffenen fördern. Das Computerlernspiel Meister Cody â Talasia bietet zudem einen diagnostischen Test, der von Psychologen der UniversitĂ€t MĂŒnster entwickelt wurde.cite-ref-14[14]
Siehe auch
:
Flankierende schulische MaĂnahmen
und
KostenĂŒbernahme in besonderen FĂ€llen
S3-Leitlinien der Therapie
Hauptmerkmale einer funktionierenden Therapie sind IndividualitĂ€t und SymptomspezifitĂ€t, das heiĂt, dass die Förderung an den Patienten individuell angepasst ist und direkt an den Rechenschwierigkeiten gearbeitet wird. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die psychische Aufarbeitung, um somit das Selbstvertrauen des Erkrankten zurĂŒckzuerlangen, da dieses zur Sicherheit im Umgang mit Zahlen und Rechnungen ebenfalls von groĂer Bedeutung ist. ZusĂ€tzlich werden bestimmte Richtlinien vorgeschrieben, damit Therapien getreu eines einheitlichen Schemas verlaufen. Diese sogenannten S3-Leitliniencite-ref-15[15], die im Februar 2018 von der Gesellschaft fĂŒr Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. verfasst und erstellt wurden (und inzwischen im Leitlinien-Register der AWMF als veraltet gelten, weil sie seit ĂŒber fĂŒnf Jahren unverĂ€ndert blieben), sind in drei Teilbereiche gegliedert. Einer der Bereiche umfasst die Intervention. So wird vorgeschrieben, dass Förderungsprogramme wissenschaftlich evaluiert sein mĂŒssen. Im weiteren Themengebiet Inhalt und Konzeption ist wichtig zu beachten, dass nah an den diagnostizierten Defiziten und Problemen gearbeitet wird und zudem klinisch relevante Zusammenhangssymptome beachtet und berĂŒcksichtigt werden. DarĂŒber hinaus sollten vorrangig Förderprogramme gefördert werden, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierend auf Erfahrungssammlung und -auswertung basieren. Im Bereich des Settings ist vorgesehen, dass TherapiemaĂnahmen lediglich in Einzelstunden erfolgen und eine Mindestdauer von 45 Minuten angesetzt werden muss. Einzelförderung spielt hinsichtlich des Zutrauens des SchĂŒlers eine groĂe Rolle, da hier die Angst nachzufragen wesentlich geringer ist als in der Gruppe und man somit ein stressfreies Arbeiten ermöglicht. Ein weiterer wichtiger Teil der Förderung ist die KontinuitĂ€t, da der Erfolg der Therapie von der RegelmĂ€Ăigkeit abhĂ€ngt.
PrÀvention
Die arithmetischen Grundlagen des mathematischen Begreifens werden in den ersten beiden Schuljahren geschaffen, daher kommt den ersten Lernschritten eine groĂe Bedeutung zu. Das Feststellen eines mangelnden oder fehlenden kognitiven Fundaments des arithmetischen Verstehens kann erst nach dem Durchlaufen der ersten Lernschritte durchgefĂŒhrt werden. Doch ist bereits in den ersten beiden Klassen vorbeugende Hilfe in einem prĂ€ventiven Sinne möglich. Um schon im Vorfeld die Ausbildung einer möglicherweise drohenden Rechenstörung zu verhindern, bieten sich zwei Instrumente der Lernbegleitung an. Bei ersten Anhaltspunkten fĂŒr einen gestörten mathematischen Lernprozess sollte eine so genannte PrĂ€ventionsdiagnose durchgefĂŒhrt werden, mit Hilfe derer die Verinnerlichung des aktuellen Schulstoffs in den ersten beiden Schulklassen â simultan zur Vermittlung â sowie die Ausbildung der prĂ€numerischen Abstraktionsleistungen im Sinne Piagets (Invarianz, Anzahlkonstanz, Mengenkonstanz) schon zum Schuleintritt untersucht werden kann. Bei Verdacht auf die kĂŒnftige Ausbildung einer Rechenstörung kann dann eine lerntherapeutische FrĂŒhbegleitung als PrĂ€ventionsmaĂnahme eingeleitet werden, in der die prĂ€numerischen und ersten numerischen Abstraktionen erarbeitet werden. Des Weiteren gehört es zum Bildungsauftrag der KindergĂ€rten (nicht in allen LĂ€ndern definiert) den Kindern die Grundbegriffe des ZĂ€hlens und Rechnens (mit Anschauungsmaterial) im Zahlraum bis 12 (20) beizubringen. Ziel ist es, den Kindern eine Vorstellung von Mengen zu vermitteln und ihr mathematisches GrundverstĂ€ndnis zu schulen â analog dem grammatischen SprachverstĂ€ndnis.
Wahrnehmungsförderung
Eine Rolle beim Umgang mit Mengen spielt nach Meinung des Blicklabors Freiburg die Simultanerfassung; diese FĂ€higkeit ist demnach bei manchen rechenschwachen Kindern nicht richtig entwickelt. Durch ein Trainingsprogramm, durch das sich die Wahrnehmungs- und SehfĂ€higkeiten verbessern lassen, kann ein Kind demnach lernen, Anzahlen von Dingen schneller zu erfassen, und in der Folge besser rechnen.cite-ref-16[16] Andererseits kann beobachtet werden, dass auch Kinder mit schlechter Simultanwahrnehmung mathematische Grundbegriffe erlernen, ohne hierfĂŒr eine Verbesserung ihrer FĂ€higkeit zur schnellen optischen Erfassung der Anzahl von dargebotenen Objekten zu benötigen, und es gibt viele Dyskalkuliker mit gut ausgebildeter Simultanerfassungs-FĂ€higkeit trotz Dyskalkulie. Typisch fĂŒr Kinder mit Dyskalkulie sind oft gute schematische RechenfĂ€higkeiten bei gleichzeitigem UnverstĂ€ndnis fĂŒr den Bedeutungsinhalt der angewendeten mathematischen Techniken. Offensichtlich ist daher ein Wahrnehmungstraining nur dann hilfreich, wenn dies nicht bloĂ zur Perfektionierung von Rechen- und ZĂ€hltechniken eingesetzt wird, sondern bereits wichtige begriffliche Grundlagen vorhanden sind, deren Nutzung fĂŒr mathematische Operationen vorausgesetzt werden kann (Mengenbegriff/Zahlbegriff usw.). Dies fĂŒhrt unmittelbar zu der Einsicht, dass jegliche unspezifische Trainingsanwendungen, die vorher keine lernstandsanalytischen Kenntnisse ĂŒber ein Kind ermittelt haben, zu erheblichen SchĂ€digungen und Therapiefehlern fĂŒhren mĂŒssen â kongenial zur Ăberforderungssituation rechenschwacher Kinder in Grundschulen, die keine FachkrĂ€fte und Zeitkontingente fĂŒr individuelle mathematische Lernstandsanalysen zur VerfĂŒgung haben oder solche diagnostischen Mittel aus verschiedenen GrĂŒnden nicht anwenden.cite-ref-17[17] Dieses Dilemma betrifft insofern auch alle anderen Formen von Wahrnehmungstraining. Das Erlernen von und der bewusste Umgang mit mathematischen Grundbegriffen ist daher der spezifische Inhalt von seriös arbeitenden therapeutischen AnsĂ€tzen zur Behebung von Dyskalkulie.cite-ref-18[18] Svenja Lommer arbeitete in ihrer Göttinger Dissertation (bei Arnd KrĂŒger) heraus, dass durch psychomotorische Ăbungen, die die Ganzkörperwahrnehmung verbessern, auch erhebliche dyskalkulische Leistungsdefizite abgebaut werden konnten.cite-ref-19[19]
Erfolgsaussichten einer Therapie
Eine erfolgreiche Therapie lĂ€sst sich nicht einfach in Zahlen und ProzentrĂ€ngen ausdrĂŒcken. Ebenfalls wird Erfolg bei jedem Betroffenen unterschiedlich definiert. Somit sind die Erfolgsaussichten ebenso individuell wie die Therapie des Kindes und lassen sich nicht verallgemeinern. Jedoch kann man sagen, dass KontinuitĂ€t, eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern, Kind und Therapeut zum Erfolg beitragen und diesen begĂŒnstigen.
AbschlieĂend ist noch zu erwĂ€hnen, dass eine Therapie Dyskalkulie nicht heilen kann, sondern viel mehr das Kind im Hinblick auf Schulerfolg und LebensbewĂ€ltigung stabilisiert.
Psychische SekundÀr-Symptomatik
Psychosoziale Situation
Die Bedeutung entwicklungspsychologischer Aspekte fĂŒr die Entstehung klinisch psychologischer Symptomatik wird heute allgemein betont: âPsychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind vor dem Hintergrund von Reifungs- und Entwicklungsprozessen in ihrem Wesen und in ihrem Verlauf vielmehr sehr verschieden und erfordern in vieler Hinsicht auch grundsĂ€tzlich andere Herangehensweisen.âcite-ref-20[20] Der enge Zusammenhang von umschriebenen Entwicklungsstörungen und psychischen AuffĂ€lligkeiten wird dabei von vielen Autorencite-ref-21[21] betont. In einer Studie fand Esser (1991) bei 46 % der Kinder mit Lernstörungen psychiatrische AuffĂ€lligkeiten.
Lernstörungen lassen sich dabei sowohl als Folge als auch als Ursache von VerhaltensauffĂ€lligkeiten erklĂ€ren (Fritz & Stratmann 1993). Die Annahme, dass Ăngste, Depressionen und daraus abweichendes Lernverhalten die kognitive Entwicklung beeintrĂ€chtigen, ist also ebenso unumstritten wie die Tatsache der sekundĂ€ren Neurotisierung als Folge von Lernstörungen und den daraus resultierenden Versagenserlebnissen. Der besondere Stellenwert von Lernstörungen im Kindesalter fĂŒr die BeeintrĂ€chtigung der seelischen Gesundheit wird durch viele Studien belegt. In einer Untersuchung zu Therapiemisserfolgen in der Legasthenietherapie fand Brunsting-MĂŒller (1993), dass die ProblembewĂ€ltigungsstrategien des Kindes und die Reaktion des sozialen Umfeldes gröĂeren Einfluss auf den Therapieerfolg haben als Intelligenz oder Sprachbegabung.
Von einer sekundĂ€ren Neurotisierung als Reaktion auf Lernstörungen kann man sprechen, wenn sich die in Selbstbild und Verhalten zeigende psychiatrische Symptomatik auf die Lernstörung direkt oder indirekt zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst. Die Entstehung reaktiver Depressionen und der Entwicklung damit verbundener, immer weiter generalisierter Ăngste und psychosomatischer wie psychomotorischer BeeintrĂ€chtigungen aus kognitiven sowie psychosozialen Prozessen kann auf die Rechenstörung zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Dabei scheint es sich bei den Verursachungsfaktoren um einen Ă€uĂerst umfassenden Bedingungskomplex aus sozialen, emotionalen und kognitiven Faktoren zu handeln. Diese Aspekte können als Mediatoren der Störungsentstehung aufgefasst werden. Der Symptomkomplex psychiatrischer AuffĂ€lligkeiten rechenschwacher Kinder umfasst Ăngste, depressive Symptomatik, somatoforme Störungen sowie daraus resultierende VerhaltensauffĂ€lligkeiten.
Psychosoziale Faktoren
Ăngste, Kontrollverlust und allgemeine Niedergeschlagenheit werden durch das Verhalten der Bezugspersonen mit ausgelöst. Strafen, Ăberforderung, BloĂstellen, elterliches Leiden usw. tragen zur Entwicklung von Ăngsten, einem negativen Selbstbild und zur Entwicklung von Vermeidungs- und Kompensationsstrategien in erheblichem MaĂe bei. Auf Seiten der Lehrer finden sich hĂ€ufig verkĂŒrzte Kausalattribution, die auf die Person (âschlechter SchĂŒlerâ, âunwilligâ, âfaulâ, âunkonzentriertâ, âweniger begabtâ etc.) zielen. Eine daraus resultierende resignative Haltung, die sich in der Schonung des Kindes ausdrĂŒckt, kann sich auf die Attributionen sowie auf sein Selbstbild auswirken (âBin ich eben doofâ). Reagieren die Lehrer durch zusĂ€tzliche Förderung, geht die gutgemeinte Hilfe â gerade bei an Dyskalkulie leidenden Kindern â hĂ€ufig vorbeicite-ref-22[22] und kann zur seelischen Belastung fĂŒr die Kinder werden. Die MitschĂŒler sind in der schulischen Situation weitere Belastungsfaktoren. âDer SchĂŒler erlebt sich in einer Vergleichssituation mit Gleichaltrigen unterlegen.âcite-ref-23[23] Extrinsische Leistungsmotivation, also Leistungserfolg im Vergleich (âDie anderen können das doch!â), kann in Verbindung mit kindlichem Konkurrenzverhalten, das sich z. B. in HĂ€nseleien ausdrĂŒckt, zur sozialen Isolierung des rechenschwachen Kindes fĂŒhren, zu einer âsekundĂ€ren Neurotisierungâ, die es Eltern und der Schule ermöglicht, Hilfen des Sozialstaats in Anspruch zu nehmen (mit der Nebenwirkung, dass das Kind möglicherweise als âbehindertâ stigmatisiert wird). FĂŒr die Entwicklung von Neurotisierungssymptomen ist auch die familiĂ€re Situation bedeutsam. Eltern, die vor das Problem des Schulversagens des eigenen Kindes gestellt sind, befinden sich in einer schwierigen psychosozialen Situation. âDie Eltern reagieren darauf mit Besorgnis, verstĂ€rken ihre (insuffizienten) TrainingsbemĂŒhungen mit zunehmender hĂ€uslicher Spannung, erhöhen ihre ĂberfĂŒrsorge oder brandmarken das Kind als schwarzes Schaf.âcite-ref-24[24]
ErklĂ€rungsversuche bleiben bei verkĂŒrzten Kausalattributionen und Schuldzuweisungen stehen. Die belastende Frage: âWas habe ich falsch gemacht?â, die hĂ€ufig mit heftigen SchuldgefĂŒhlen verbunden ist, wird ergĂ€nzt durch Schuldzuweisungen an die Lehrkraft. Die aus der Schuldfrage erwachsene psychische Belastung der Eltern kann SchuldgefĂŒhle beim Kind erwecken, die zum Problem des Schulversagens hinzukommen. Schuldzuweisungen an die Lehrkraft können Spannungen zwischen Elternhaus und Schule hervorrufen und somit die Situation des Kindes weiter beeintrĂ€chtigen. Auf das Kind gerichtete ErklĂ€rungsversuche, die sich hauptsĂ€chlich um die Frage der VerĂ€nderbarkeit drehen, fĂŒhren hĂ€ufig zu resignativen Begabungszuschreibungen, die sich der verkĂŒrzten Kausalkette âKeine Leistung â also unbegabt.â verdanken. Der daraus erwachsene Glaube an die UnabĂ€nderlichkeit des Schicksals lĂ€sst Förderung als wenig sinnvoll erscheinen, das Kind wird als dumm stigmatisiert, die Situation akzeptiert. Die umgekehrte Verwendung des Begabungsbegriffes kann sich als ebenso verhĂ€ngnisvoll erweisen. Eltern halten gerade ihr Kind fĂŒr doch eigentlich âintelligentâ, wobei der in diesem Zusammenhang fragwĂŒrdige Begriff der Intelligenz als quasi genetisch festgelegte Determinante zur BegrĂŒndung fĂŒr die Leistungen herhalten soll, andererseits diesen in dem Fall des eigenen Kindes gerade widersprechen soll. Wenn Eltern also an dem Begabungsbegriff festhalten, andererseits Minderbegabung bei ihrem Kind nicht attestieren wollen, besteht die Gefahr, dass die Attribution auf das âWollen des Kindesâ, also seine Motivation, letztlich sein Wohlverhalten verlegt wird. Das Kind ist âschuldâ, wird gestraft statt gefördert und erlebt neben dem schulischen Versagen das moralische.
Selbstbild
Kinder können ĂŒber ihr Denken weniger Auskunft geben und dieses schlechter verbalisieren. Dennoch sind auch Kinder in der Lage, ein ausgeprĂ€gtes Selbstbild zu entwickeln. FĂŒr die Beschreibung kindlicher Kognitionen, die zu klinischer Symptomatik beitragen können, scheint die kognitive Theorie der Depression von Beck (1967) nĂŒtzliche Hinweise zu geben. Die ânegative Triadeâ beinhaltet die Beurteilung der eigenen Person, der Umwelt und der Zukunft.
Die Beurteilung der Zukunft ist von Kindern im Grundschulalter nicht im Einzelnen zu leisten, jedoch stellt sich ihnen ein diffuses Bild möglicher Bedrohungen dar, die nicht kontrollierbar erscheinen. Die Kombination des Erlebens der eigenen Verantwortlichkeit fĂŒr die Schulleistung mit der Erkenntnis, dass sowohl Erfolg als auch Misserfolg unabhĂ€ngig von der eigenen Anstrengung sind, fĂŒhrt zur Herausbildung der âerlernten Hilflosigkeitâ im Sinne von Seligmann (1974). Die Zukunft scheint nicht zu bewĂ€ltigen, die Erwartung stetig neuen Versagens trĂ€gt zu einer negativen Sicht der Zukunft und zur Herausbildung von Ăngsten bei.
Das Erleben und Beurteilen der Umwelt kann auf verschiedene Art und Weise die Psyche des Kindes belasten. ZunĂ€chst kommt es besonders von MitschĂŒlern und Geschwistern aufgrund der Vergleichs- und Konkurrenzsituation zur Zuschreibung von Minderwertigkeit (âDu bist ja sowieso dumm!â) und zur Ausgrenzung. Dieses Verhalten wird durch abwertendes und isolierendes, teilweise auch direkt aggressives Verhalten begleitet. Auch wenn es von Erwachsenenseite zu solch direkt abwertendem Verhalten seltener kommt, so kann doch indirekt auch gutgemeintes Verhalten das Selbstbild des Kindes weiter beeintrĂ€chtigen. Von Seiten des Lehrers kann neben Ă€rgerlichen und abweisenden Reaktionen auch das spezielle Fördern neue Misserfolgserlebnisse bereiten, das Schonen des Kindes im Unterricht zu einem GefĂŒhl der Isoliertheit oder des Aufgegeben-Worden-Seins fĂŒhren. Erwartungen, Hoffnungen und Ăngste der Eltern spiegeln sich in dem Verhalten gegenĂŒber dem Kind wider und können dessen Situation verschĂ€rfen. Die Lehrerin âist doofâ, die MitschĂŒler, das Schulfach oder die Schule und das Elternhaus im Allgemeinen werden als feindlich und bedrohlich erlebt, sodass Kognitionen ĂŒber die scheinbar feindliche Umwelt mit den Attributen der Unbeherrschbarkeit und Feindseligkeit entstehen. Das Selbstkonzept des rechenschwachen Kindes beinhaltet also bezĂŒglich der eigenen Person Verantwortlichkeit fĂŒr das Scheitern, Bewusstsein fĂŒr das eigene Versagen und das GefĂŒhl der Minderwertigkeit â und in Bezug auf die Umwelt sowie die Zukunft â die Erwartung diffuser Bedrohung wie unkontrollierbaren Versagens.
Dass Angstempfindung zur NormalitĂ€t des Schulalltags gehört, wird im Rahmen der klinischen Psychologie akzeptiert. So betonen Schneider u. a., âdass Ăngste im Kindes- und Jugendalter zum normalen Entwicklungsprozess dazugehörenâ (1993, S. 213). âBei Sieben- bis ZehnjĂ€hrigen beziehen sich die Ăngste immer hĂ€ufiger auf die Schule, auf mögliches und vermeintliches Versagen und auf negative Bewertung durch andereâŠâ (ebd.). Insbesondere bei SchĂŒlern mit Lernstörungen ist ein erhöhtes Angstniveau zu beobachten. Die Entwicklung von Ăngsten bei rechenschwachen SchĂŒlern wird sich zunĂ€chst auf direkt angstauslösende Situationen und Personen beziehen und ist dann von immer weiteren Generalisierungen begleitet. Dies sind zunĂ€chst PrĂŒfungssituationen im Fach Mathematik, als Person die Lehrkraft. WĂ€hrend die Angst vor PrĂŒfungssituationen im Fach Mathematik sich zunĂ€chst auf den gesamten Lernbereich Mathematik, dann auf die Schule und jegliche PrĂŒfungssituationen erstrecken kann, können Sozialphobien sich je nach der Reaktion des Umfeldes auf MitschĂŒler, andere Lehrer, Eltern, Geschwister und Freunde erstrecken. Im ungĂŒnstigsten Fall kann sich die soziale Angst auf jedwede soziale Kontakte und die Schulphobie auf andere Situationen generalisieren.
Die Bedeutsamkeit von Entwicklungsaspekten fĂŒr die Depression im Kindesalter zeigt sich an der Symptomatik, die der von Kindern mit Lernstörungen Ă€hnelt. Altherr (1993) nennt als Symptome der Depression Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Weinen und das GefĂŒhl der Einsamkeit. Depressive Kinder haben wenig Freunde in der Schule, werden oft gehĂ€nselt, sie haben ein geringes SelbstwertgefĂŒhl. Alle depressiven Kinder haben Schulschwierigkeiten. Sie haben das GefĂŒhl, Versager zu sein, sind unmotiviert, ihre Psychomotorik ist hĂ€ufig auffĂ€llig. 50 % von ihnen werden als suizidal eingeschĂ€tzt. Ihre KritikfĂ€higkeit, soziale Kompetenz sowie ihre Fertigkeiten sind stark eingeschrĂ€nkt. Psychosomatische Beschwerden sind bei rechenschwachen Kindern hĂ€ufig anzutreffen. Kinder, die unter Schulversagen leiden, sind enormen Stresssituationen ausgesetzt. Aufgrund der irrationalen Rechenstrategien ist die Anspannung höher, sie brauchen fĂŒr Hausaufgaben bis zu drei Stunden. Zu den kognitiven kommen psychische und psychosoziale Stressoren. Die Entwicklung von psychosomatischen Beschwerden kann somit sowohl als direkte Folge der Dyskalkulie aufgrund kognitiver Stressoren als auch als Symptom der sekundĂ€ren Neurotisierung aufgefasst werden.
VerhaltensauffÀlligkeiten
VerhaltensauffĂ€lligkeiten können als Neurotisierungssymptome bzw. als deren Folge aufgefasst werden. Im Zusammenhang mit Lernstörungen sind insbesondere Vermeidungs- und Kompensationsstrategien zu beobachten. Strategien der AngstbewĂ€ltigung und Diskrepanzvermeidung fĂŒhren hĂ€ufig zu weiterer sozialer Desintegration. Das Kind versucht, unangenehme â weil angstauslösende â Situationen zu meiden. Es beschĂ€ftigt sich nicht mehr mit dem Lerngegenstand Mathematik, kapselt sich von der Umwelt ab, reduziert Sozialkontakte. Immer weitere Generalisierung des Vermeidungsverhaltens kann schlieĂlich zum völligen RĂŒckzug fĂŒhren. Das Kind versucht, sein Selbstbild, die Reaktion der Umwelt usw. dadurch zu kompensieren, dass es Anerkennung fĂŒr Kaspern, Aggression usw. erhĂ€lt. Die schlechte Beurteilung der Umwelt kann zu einer allgemeinen UnfĂ€higkeit zu sachlicher Selbstkritik fĂŒhren (Diskrepanzvermeidung). Teilweise versucht das Kind durch Rollenspiele, sich von sich selbst zu distanzieren.
Allgemeines Leistungsversagen
Allgemeines Schulversagen tritt bei rechenschwachen Kindern hĂ€ufig erst nach langer Misserfolgsperiode in Mathematik und als Folge sekundĂ€rer Neurotisierung sowie des negativen kindlichen Selbstbildes auf. Die Beurteilung der eigenen UnfĂ€higkeit lĂ€sst das Kind auch in anderen FĂ€chern resignieren. Die âerlernte Hilflosigkeitâ hat sich generalisiert und ist zum stabilen Persönlichkeitsmerkmal geworden. Durch Angstabwehr erzeugtes allgemeines Vermeidungsverhalten wird zum Ausgangspunkt fĂŒr allgemeines Schulversagen. Der weitere Lebensweg des Kindes ist vorgezeichnet. Durch das allgemeine Schulversagen wird das negative Selbstbild bestĂ€tigt, die soziale Reaktion der Umwelt fĂŒhrt nicht nur zum âTeufelskreis Lernstörungenâ, sondern auch zum âTeufelskreis Neurotisierungâ.
Familie, Schule, das gesamte soziale Umfeld des betroffenen Kindes reagiert z. T. mit Fassungslosigkeit, Erstaunen und UnverstĂ€ndnis, dass das Kind ânicht einmal die einfachsten Sachen zusammenrechnen kannâ. Dieses wird wiederum vom Kind bemerkt. Sein Lern- und Leistungsversagen ebenso wie seine Reaktion auf dieses Versagen fĂŒhren in diesem Umfeld zu Konflikten und weiteren Reaktionen, die das Störbild verstĂ€rken und stabilisieren. Psychische BeeintrĂ€chtigungen können hĂ€ufig solche Eigendynamik gewinnen, dass sie eher als Ursache denn als Reaktion auf zugrundeliegende Probleme erscheinen. Die Motivation fĂ€llt immer deutlicher ab, das Kind zeigt zunehmend Anstrengungsvermeidungsverhalten und sein negatives Selbstbild verdichtet sich immer mehr. Dies verhindert eskalierend die Aneignung mathematischer Kompetenz, wobei das negative Selbstbild vielfach auf auĂermathematische Leistungsbereiche ĂŒbertragen wird, so dass sich, ausgehend von der anfangs isolierten Lernstörung im mathematischen Bereich, eine allgemeine Lernstörung entwickeln kann. Die GrĂŒnde fĂŒr die hĂ€ufig damit einhergehende allgemeine Verhaltensproblematik bzw. VerhaltensauffĂ€lligkeit dieser Kinder wird deutlich, wenn man sich die Situation eines betroffenen Kindes vor Augen hĂ€lt. Sie ist durch jahrelanges Scheitern gekennzeichnet, und das Kind hat keine Möglichkeit, ihr zu entweichen. Erwachsene sind solchen Situationen lĂ€ngst nicht in dieser HĂ€ufigkeit und Konsequenz ausgesetzt und zeigen im Ăbrigen vergleichbare Reaktionen (Stress am Arbeitsplatz, Jobmobbing usw.). Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, weil Kinder, die nicht behandelt werden, ab einer bestimmten Stufe der Teufelskreisentwicklung tatsĂ€chlich das Bild eines allgemeinen Leistungsversagens aufweisen. Letzteres ist als Grund dafĂŒr anzusehen, dass mehr als 35 % deutscher SonderschulĂŒberweisungen sich letzten Endes auf eine nicht erkannte bzw. nicht behandelte RechenschwĂ€che zurĂŒckfĂŒhren lassen.
Entwicklungsdynamik psychischer Störungen
Eine nicht frĂŒhzeitig erkannte und behandelte Rechenstörung kann zu einer dynamischen Entwicklung weiterer psychischer und Verhaltensstörungen fĂŒhren. Die begleitenden Symptome der Rechenschwierigkeiten â Arbeitsverweigerung, AntriebsschwĂ€che, scheinbare Konzentrationsstörungen, PassivitĂ€t, Angst, negatives Selbstbild, ĂŒberhöhte AnlehnungsbedĂŒrftigkeit, Unterrichtsstörungen, aggressives Verhalten, Kopf- oder Bauchschmerzen u.v.m. â dienen anfĂ€nglich der BewĂ€ltigung der Ăberforderungssituation. Sie können sich jedoch soweit entwickeln, dass sie die Rechenstörung âĂŒberlagernâ und der Zusammenhang mit ihr kaum mehr erkennbar ist. In manchen FĂ€llen kann dies dazu fĂŒhren, dass die SekundĂ€rsymptome sogar als ursĂ€chlich angenommen werden. Die Wahrnehmung des rechenschwachen Kindes, dass andere Kinder das Rechnen schneller und erfolgreicher lernen, dafĂŒr Lob erhalten, wĂ€hrend ihm entweder mangelnde Intelligenz oder mangelnder Arbeitseifer und Unkonzentriertheit seitens der Eltern und Lehrer, in Form von Spott und Ausgrenzung auch seitens der MitschĂŒler attributiert wird, wirkt sich negativ auf das eigene Selbstbild aus.
Die ersten MaĂnahmen zur Behebung des mangelnden Lernerfolgs â verstĂ€rktes Ăben zu Hause, Förderunterricht in der Schule, Zunahme des Drucks in Bezug auf die Arbeitshaltung â werden als Bestrafung empfunden, da durch sie die Rechenstörung nicht behoben werden kann und dementsprechend die Anerkennung fĂŒr die tatsĂ€chliche Leistung des Kindes ausbleibt. Kompensationsversuche gelingen eher selten, da zum einen die SchwĂ€che in einem vermeintlich höherwertigen Bereich besteht, also Leistungen im Sport- oder Kunstunterricht nicht den gleichen Stellenwert haben und zum anderen Unterrichtsstörungen zwar zu einer Erhöhung des Ansehens seitens der MitschĂŒler fĂŒhren können, aber negative Konsequenzen seitens Lehrer und Eltern mit sich bringen. Das permanente Erleben von Misserfolg im Rechnen, des Misserfolges der ersten HilfemaĂnahmen und des Misserfolges der Kompensations- und Vermeidungsversuche fĂŒhrt in der Regel zu einer negativen Besetzung des Faches Mathematik, zu einer ablehnenden Haltung den Mathematiklehrern gegenĂŒber, zu gravierenden hĂ€uslichen Auseinandersetzungen, verbunden mit dem Empfinden von ZurĂŒckweisung und Abwendung seitens der Eltern und zu einer erheblichen SchwĂ€chung des SelbstwertgefĂŒhles. Auf die Ausweglosigkeit der Situation, in der sich rechenschwache Kinder zu befinden glauben, reagieren sie mit weiteren psychischen, auch psychosomatischen Störungen und Verhaltensstörungen, durch die ihre weitere Entwicklung erheblich gefĂ€hrdet ist, die ihr Leiden verstĂ€rken und die eine bleibende psychische Behinderung nach sich ziehen können.
Behandlung der SekundÀr-Symptomatik
Die beschriebene Dynamik in der Entwicklung der SekundĂ€rsymptomatik erfordert eine Behandlung, die auch im sozialen Umfeld des Kindes interveniert und einen Abbau des Leistungsdruckes im Bereich des Faches Mathematik zum Ziel hat. Die Eltern mĂŒssen ĂŒber die ZusammenhĂ€nge der psychischen und Verhaltensstörungen des Kindes mit der Rechenstörung aufgeklĂ€rt werden. Dabei ist ihnen die psychische Situation des Kindes zu verdeutlichen, Leistungserwartungen sind zu reduzieren, gemeinsame Zielsetzungen der MaĂnahmen sind zu vereinbaren. Insbesondere mĂŒssen sie zu förderlichen und hinderlichen Lernhilfen beraten werden. Eine Lehrerberatung sollte eine AufklĂ€rung ĂŒber die Rechenstörung und die Dynamik der sekundĂ€ren Symptome beinhalten. Konkret sollten Lehrer ĂŒber die Lernmöglichkeiten des rechenschwachen Kindes informiert werden, damit die Leistungen des Kindes unabhĂ€ngig vom Lernerfolg realistisch eingeschĂ€tzt werden können. Des Weiteren ist den Lehrern eine Hilfestellung zu geben, auf welche Weise sie die LernbemĂŒhungen des Kindes fördern können. Eine Befreiung von der Benotung ist nach Möglichkeit zu empfehlen.
Ziel ist es, die sekundĂ€re Symptomatik soweit abzubauen, dass das Kind in der Lage ist, sich dem Rechnenlernen wieder zu nĂ€hern. Die Schaffung eines VertrauensverhĂ€ltnisses, einer AtmosphĂ€re der Annahme â unabhĂ€ngig von den Ergebnissen der Leistung â und der sachlichen BeschĂ€ftigung mit den Defiziten ist notwendig. Das SelbstwertgefĂŒhl des Kindes muss gestĂ€rkt werden, adĂ€quates BewĂ€ltigungsverhalten gegenĂŒber Schwierigkeiten sowie gegenĂŒber Bezugspersonen (Eltern, Lehrer und MitschĂŒler) ist zu thematisieren und geeignete Lernstrategien sind mit dem Kind zu entwickeln. Je nach Schwere und Entwicklungsgrad der sekundĂ€ren Symptomatik ist die Anwendung psychotherapeutischer Interventionen zu bestimmen. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass âganzheitlichâ vorgegangen wird, also sowohl auf der Ebene der Kognition wie auf der der Emotion und des sozialen Verhaltens.
Etymologie
Dyskalkulie leitet sich von der altgriechischen Vorsilbe ÎŽÏ
Ï- (die etwas UnglĂŒckliches bzw. Widriges bezeichnet, entsprechend im Deutschen dem PrĂ€fix âmiss-â bzw. âun-â)cite-ref-gemoll-25-0[25] sowie dem lat. calculus âRechnungâ, âBerechnungâcite-ref-langenscheidt-lat-26-0[26] ab, bedeutet also wörtlich UnfĂ€higkeit bzw. Störung zu rechnen. Das Synonym Arithmasthenie ist auf die beiden altgriechischen Bestandteile áŒÏÎčΞΌΔáżÎœ arithmein âzĂ€hlenâ sowie áŒÏΞÎΜΔÎčα asthĂ©neia âSchwĂ€cheâ, âKrankheitâ zurĂŒckzufĂŒhren,cite-ref-gemoll-25-1[25] was wörtlich mit RechenschwĂ€che zu ĂŒbersetzen ist.
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Fachmagazine
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Weblinks
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âą Linksammlung fĂŒr Lehrer: RechenschwĂ€che/Dyskalkulie
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⹠Nachteilsausgleich Dyskalkulie und RechenschwÀche
⹠AWMF online S3-Richtlinie: Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung
Einzelnachweise
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